„Nein, es ist nicht unser Müll!“

Offene Antwort der Südwestdeutschen Anti-Atom-Initiativen auf den offenen Brief von Greenpeace vom 26. Oktober 2011

Hallo Greenpeace, hallo Thomas Breuer, hallo Heinz Smital, hallo Tobias Riedl, hallo Mathias Edler, hallo Tobias Münchmeyer,                                              

01.11.2011

Ihr habt in einem offenen Brief die von uns kritisierten Positionen wiederholt und bekräftigt. Wir nehmen diese Äußerungen von Euch sehr ernst!


Wir stimmen mit Eurer Analyse überein, dass Gorleben von der Bundesregierung als Endlager zementiert werden soll. Selbstverständlich wollen wir an dieser Stelle das gleiche wie Ihr: Gorleben soll leben, das Endlager muss verhindert werden. Wo wir Euch jedoch auch weiterhin vehement widersprechen, ist Eure Forderung nach Castortransporten an andere Standorte!

Eine Verschiebung der Transporte z.B. nach Philippsburg ändert in Gorleben nichts am weiteren Endlagerausbau nach Bergrecht und der vorläufigen Sicherheitsanalyse durch Atomlobbyisten wie Bruno Thomauske.

Eure Forderung nach einer Umleitung ändert jedoch einiges andere zum Schlechten.

1. Spaltung und Entschärfung des Protestes:

Die Castortransporte als Kristallisationspunkte der Anti-Atom-Bewegung rücken die Endlagerproblematik ins öffentliche Bewusstsein, die von Euch gewünschten lautlosen Transporte nach Philippsburg entschärfen die politischen Kosten des Endlagerausbaus. Und sie schaffen einen unhaltbaren Präzedenzfall:

Die Anti-Atom-Bewegung streitet darum, welche Standorte die weniger ungeeigneten unter allen schlechten sind. Statt einem Gewinn für Gorleben springt im schlimmsten Fall eine selbst verschuldete Niederlage heraus.

2. Beruhigung der Bevölkerung

Auch Greenpeace weist zurecht auf die überhöhten Grenzwerte in Gorleben hin, die eine weitere Einlagerung verbieten.

Mit der Werbung für Philippsburg weist Greenpeace zugleich den Betreibern einen Weg aus der Bredouille. Welch ein Unding!

Wisst Ihr, ob die Strahlenwerte um das Zwischenlager Philippsburg weniger dramatisch sind? Dann wundert es uns, dass dies nicht zur Sprache kam.

Apropos Sprache:

Wir halten es für gefährlich, dass Ihr Philippsburg als „besser“ geeignet darstellt.

Wenn wir Eure Studie nur auf den Sicherheitsaspekt reduzieren, dann hättet Ihr vielleicht formulieren können „Philippsburg ist weniger ungeeignet als Gorleben“. So aber wird in weiten Teilen der Bevölkerung nur die Erleichterung ankommen: „BESSERung in Sicht!“

Und das ist es, worauf Regierung und Atom-Lobby setzen: dass die Bevölkerung sich beruhigt, und seelenruhig auf einen Atomausstieg hofft, der so möglicherweise nie kommen wird.

3. Legitimationsbeschaffung für die Atommüll-Politik:

Ihr stellt richtig fest: es gibt kein sicheres Zwischenlager.

Keine Kartoffelscheune ist besser als die andere. Genau das Gegenteil aber versucht Ihr der Politik zu verkaufen.

Und dafür erwartet Ihr auch noch Zustimmung aus der Anti-Atom-Bewegung?

Dazu können wir nur sagen: Zustimmung werdet Ihr erhalten!

Und zwar aus der Politik. Deren Zustimmung werdet Ihr erhalten, weil den Politprofis nichts Besseres passieren kann, als dass eine (in der Bevölkerung) angesehene Umweltschutzorganisation ihnen für die verfahrene Situation in Gorleben ein Ausweichmodell anbietet.

Ihr schreibt: „Wir stehen zu dem Prinzip, dass der Abfallverursacher sich auch um die Entsorgung kümmern muss.“ Dazu stehen wir auch, aber behauptet Ihr jetzt allen Ernstes, dass die Lagerung in Philippsburg eine Form der Entsorgung ist?

Ihr schreibt: „Wir sind davon überzeugt, dass die Rückführung von Castoren an den Verursacher den Druck für einen schnelleren Atomausstieg verstärkt.“ Das müsst Ihr uns nochmal erklären, wo doch im Gutachten sehr bemüht aufgezeigt wird, dass der Platz in Philippsburg locker für den neuen Müll reicht.

4. Spaltung der internationalen Anti-Atom-Bewegung

Ihr schreibt: „Eine längerfristige Zwischenlagerung in La Hague, bzw. Sellafield ist für uns, gerade als internationale Organisation, keine Option.“

Warum ist sie das in Philippsburg?

Ihr stellt richtig fest: es gibt keine sicheren Castor-Transporte.

Und trotzdem sprecht Ihr Euch dafür aus, dass sie ohne sachliche Notwendigkeit stattfinden? Jeder Transport dient momentan dem Weiterbetrieb todbringender Atomanlagen.

Was sich wie ein roter Faden durch den Text zieht, ist eine schwammige und gefährliche Verwendung des Begriffes „wir“, z.B. hier:

„…, dass wir die Verantwortung für den deutschen Müll nicht langfristig in Frankreich und Großbritannien abladen können.“

Wer ist wir? Greenpeace? Die Anti-Atom-Bewegung? Die Atomindustrie und Atomforschung? Der deutsche Staat? Das deutsche Volk?

Es kann keine Rede davon sein, dass die französische Anti-Atom-Bewegung in ihrer Mehrzahl einen schnellstmöglichen Rücktransport des „deutschen“ Strahlenmülls nach Deutschland verlangt.

Weder die Amis de la Terre (Freunde der Erde) noch das Réseau Sortir du Nucléaire (Netzwerk Atomausstieg) vertreten diese Position, sondern verlangen die Einstellung jeglicher Transporte und organisieren Proteste gegen die „Trains d’enfer“ (Höllenzüge).

Mit einem Abtransport ist für die französischen Atomkraftgegner_innen auch nichts gewonnen.

Nicht, solange der Abtransport nur Platz schafft für neue Lieferungen.

Nicht, solange die Plutoniumfabrik in La Hague weiterarbeitet und dabei vor allem Ärmelkanal und Normandie verseucht.

Greenpeace hat dies hervorragend dokumentiert und weiß doch selbst, dass neue Transporte nach La Hague erfolgen. Gerade erst jetzt im Oktober 2011 protestierten Greenpeace-Aktivist_innen gegen einen Brennelementetransport aus dem holländischen AKW Borssele nach La Hague.

Greenpeace sollte also selbst am besten wissen, dass der Abtransport des vorhandenen Mülls den ungestörten Weiterbetrieb dieser Dreckschleuder ermöglicht, und erst Platz schafft für die Anlieferung weiterer verbrauchter Brennelemente.

Das gleiche gilt für Sellafield.

5. Ausstieg 2015 bedeutet: Gorleben muss als Entsorgungsvorsorgenachweis herhalten

Und zu guter Letzt wollen wir unsere Empörung ausdrücken über eine weitere Eurer Forderungen:

Greenpeace fordert die Stilllegung aller AKW in diesem Land bis 2015.

Das bedeutet auch: Greenpeace will den Weiterbetrieb der AKW bis 2015!

Unabdingbar notwendig für den AKW-Weiterbetrieb ist die Erkundung in Gorleben, da sie als Entsorgungsvorsorgenachweis gilt. Ohne Gorleben oder Alternativendlager müssten daher rein juristisch alle AKW stillgelegt werden.

Da Greenpeace die AKW bis 2015 weiterlaufen lassen will, fördert Ihr damit letztlich den Ausbau Gorlebens.

Und Atomkatastrophen kümmern sich nicht um Ausstiegsdaten, sie können jeden Tag eintreten.

Warum fordert Greenpeace nicht die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen?

Wir laden Euch ganz herzlich ein, die Kampagne für Transporte nach Philippsburg zu beenden und gemeinsam mit den vielen Standortinitiativen für die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen und den endgültigen Stopp der Endlagererkundung in Gorleben zu kämpfen!

Mit freundlichen Grüßen

die Südwestdeutschen Anti-Atom-Initiativen