Nuklearer Klimaschutz: Ratschläge vom Milchmädchen

Ein Beitrag zum propagierten und konstruiertem Zielkonflikt zwischen Atomausstieg und Klimaschutz. Aus dem Buch „Mythos Atomkraft“.

Entscheidend für die in einigen Industriestaaten neu entflammte Auseinandersetzung um die zukünftige Rolle der Atomenergie ist ihr Potenzial zur Reduzierung der globalen Treibhausgase. Dieses Potenzial ist es, das die Verfechter der Nukleartechnik nach Jahrzehnten der Stagnation auf eine „Renaissance der Kernenergie“ hoffen und drängen lässt. Atomkraftwerke erzeugen bei ihrem Betrieb nur wenig Kohlendioxid (CO2). Den Anhängern der Atomenergie gelten sie deshalb als unverzichtbarer Baustein zur Eindämmung der globalen Klimaerwärmung. Oder umgekehrt: Der Treibhauseffekt befeuert die Hoffnung, die seit Jahrzehnten andauernde Flaute bei der Atomenergie erst zu stoppen und schließlich umzukehren.
„Eine Energie-Agenda, die über den Tag hinaus trägt“, sinniert etwa Wulf Bernotat, der Vorstandsvorsitzende des Düsseldorfer Konzerns E.ON Ruhrgas, „muss sich mit dem Zielkonflikt zwischen Atomausstieg und drastischer Reduzierung des CO2-Ausstoßes befassen.“ Beides gleichzeitig gehe nicht. Das ist pure Illusion.

Aber wie viele andere Protagonisten der traditionellen Energiewirtschaft arbeitet der Chef des größten privaten Energiekonzerns der Welt damit am wichtigsten Argument zur Fortführung der nuklearen Stromerzeugung. Es lautet: Klimaschutz ist ohne den Einsatz der Atomenergie zum Scheitern verurteilt. Wer die Renaissance der nuklearen Stromerzeugung aus guten anderen Gründen nicht will, muss auch die Frage beantworten, ob der genannte Zielkonflikt in der von den Atomenergie-Anhängern beschworenen Zuspitzung existiert.

An der Realität des Klimaeffekts sind Zweifel nach Überzeugung der überwältigenden Mehrheit der Experten nicht mehr erlaubt. Zu seiner Eindämmung auf ein für die Menschheit und die globalen Ökosysteme erträgliches Maß — keine globale Temperaturerhöhung um mehr als zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit — sind in den kommenden Jahrzehnten fundamentale Einschränkungen der CO2-Emissionen unausweichlich. In den Industriestaaten schlagen die Klimaexperten Reduktionen von 80 Prozent bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts vor. In den sich entwickelnden Schwellenländern muss wenigstens der massive Anstieg begrenzt werden. Die bevölkerungsreichen Länder des Südens dürfen bei ihrem berechtigten Streben nach Wohlstand den energieintensiven, auf der Bereitstellung fossiler Energie basierenden Entwicklungspfad der alten Industriestaaten des Nordens nicht einfach kopieren. Zu beantworten ist demnach die Frage: Ist das Potenzial der Atomenergie zur Eindämmung der globalen Klimagasemissionen so groß und so alternativlos, dass die unbestrittenen Großrisiken dieser Technik dafür in Kauf zu nehmen sind?

Die Situation wird kompliziert durch die Tatsache, dass der globale Klimaeffekt und die Möglichkeit schwerster Unfälle in Atomanlagen zwar Großrisiken unterschiedlicher Art darstellen, ihre Realisierung aber jeweils beispiellose und andauernde Verheerungen zur Folge hätte. Während sich die Klimaerwärmung ohne ein massives Gegensteuern in den vor uns liegenden Jahrzehnten mit hoher Sicherheit beschleunigt und weltweit unterschiedliche, weit überwiegend aber dramatische Veränderungen zum Schlechteren bewirkt, unterliegt der große kerntechnische Unfall schwer fassbaren Wahrscheinlichkeiten. Wenn er eintritt, hat auch er verheerende, lang anhaltende und für das betroffene Land allein kaum zu bewältigende Konsequenzen. Zu rechnen ist auch mit massiven Rückwirkungen auf die Weltwirtschaft. Das hat schon das Desaster von Tschernobyl bewiesen, dass sich eher an der Peripherie der ökonomischen Kernzonen ereignete.

Nach den Statistiken der Wiener Atombehörde IAEA waren Ende 2005 weltweit 443 Atomreaktoren mit einer elektrischen Leistung von knapp 370.000 Megawatt elektrischer Leistung in Betrieb. Doch der Ausbau, vor allem in den westlichen Industriestaaten, stagniert zum Teil schon seit Jahrzehnten. Die OECD geht davon aus, dass sich daran bis 2030 wenig ändert. Sie rechnet mit einem durchschnittlichen Zuwachs der globalen Kapazität von 600 Megawatt pro Jahr. Für diesen marginalen Ausbau müssten, weil gleichzeitig alte Meiler stillgelegt werden, jährlich rund 4.000 bis 5.000 Megawatt zugebaut werden, also drei bis vier große Kraftwerke. Weil nach den Prognosen der Internationalen Energie-Agentur IEA (einer OECDOrganisation) der Weltstrombedarf im selben Zeitraum weiter kräftig ansteigt, schrumpft der Anteil der Atomenergie sogar von etwa 17 Prozent im Jahr 2002 auf nur noch 9 Prozent im Jahr 2030. Das Fachblatt Nuclear Engineering International machte im Juni 2005 noch eine andere Rechnung auf: Weil zu diesem Zeitpunkt bereits 79 Reaktoren seit mehr als 30 Jahren am Netz waren, werde es „praktisch unmöglich sein, die Zahl der Atomkraftwerke in den nächsten 20 Jahren konstant zu halten“ 12. Allein um den Status quo zu stabilisieren, müssten demnach wegen anstehender Stillegungen in den kommenden zehn Jahren 80 neue Reaktoren geplant, gebaut und in Betrieb genommen werden — alle sechs Wochen einer. Im dann nachfolgenden Jahrzehnt müssten sogar 200 Meiler ans Netz gehen — alle 18 Tage einer. Atomkraft als Mittel gegen den Klimakollaps wird so kurz- und mittelfristig zur reinen Illusion.

Dennoch wurden in einigen Langzeitstudien Szenarien entwickelt, in denen das Reduktionspotenzial der Atomenergie unter den Bedingungen ehrgeiziger globaler Klimaschutzziele untersucht wird. Eine Verzehnfachung der Atomstromerzeugung bis 2075 würde beispielsweise bedeuten, dass bis zur Mitte des Jahrhunderts jedes Jahr 35 neue Großmeiler ans Netz gebracht werden. Eine im Vergleich dazu fast schon moderate Ausbaustrategie auf 1,06 Millionen Megawatt (1060 Gigawatt) elektrischer Leistung bis 2050 entspräche einer Verdreifachung der Atomkraftwerksleistung gegenüber dem Status quo. Im Vergleich zum normalen Ausbau der globalen Stromerzeugung mit Kohle- und Gaskraftwerken könnten so im Jahr 2050 rund fünf Milliarden Tonnen CO2 eingespart werden. Gemeinsam ist solchen Überlegungen, dass sie mit der nuklearen Realität und den Erfahrungen der Vergangenheit rein gar nichts zu tun haben. 25 bis 40 Milliarden Tonnen CO2 müsste die Welt im Jahr 2050 einsparen, wenn man die Prognosen der IEA und die Forderungen der Klimaforscher des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) den Schätzungen zugrunde legt. Würden ab sofort tatsächlich weltweit alle verfügbaren Mittel in den Ausbau der Atomenergie gelenkt, um zum Beispiel das oben erwähnte Szenario einer Verdreifachung der Atomstromproduktion bis 2050 zu realisieren, könnte Elektrizität aus der Kernspaltung zur Mitte des Jahrhunderts immerhin mit 12,5 bis 20 Prozent zur Klimaentlastung beitragen. Das wäre nicht marginal, würde aber andererseits auch nicht ausreichen, um andere Optionen zur Eindämmung des Klimaeffekts überflüssig zu machen. Ein solcher Erfolg wäre nicht nur ökonomisch teuer erkauft. So würden außerdem
— neue technische Katastrophenherde in großer Zahl über den Globus verteilt;
— in Entwicklungs-, Schwellenländern und Krisenregionen neue Ziele für kriegerische und terroristische Übergriffe geschaffen;
— die Endlagerprobleme und die Gefahr der unkontrollierten Weiterverbreitung von Atomwaffen in allen Weltregionen eine neue Dimension erhalten;
— wegen der knappen Uran-Vorräte die heute üblichen Leichtwasserreaktoren schon bald flächendeckend von einer für katastrophale Unfälle und terroristische oder kriegerische Eingriffe noch verwundbareren Plutoniumwirtschaft mit Wiederaufbereitung und Schnellen Brutreaktoren abgelöst;
— enorme Finanzmittel statt in die Armutsbekämpfung in den Krisenregionen der Welt für den Ausbau einer atomaren Infrastruktur eingesetzt.

Eine solche Strategie wäre angesichts der offensichtlich schweren Nebenwirkungen allenfalls dann diskussionswürdig, wenn ein vergleichbarer Effekt mit anderen, weniger problematischen Maßnahmen zur Eindämmung des Klimaeffekts nicht zur Verfügung stünde.
Das ist aber nach allem, was man heute weiß, nicht der Fall. Selbst ambitionierte Ziele zur Eindämmung der Treibhausgase können nach realistischen Abschätzungen ohne einen Beitrag der Atomenergie erreicht werden. Reduktionen um 40 bis 50 Milliarden Tonnen Kohlendioxid (bei einem Reduktionsbedarf von 25 bis 40 Milliarden Tonnen) sind demnach bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts möglich, wenn
— die Energieeffizienz in Gebäuden verbessert wird;
— die Industrie ihre Energie- und Materialeffizienz auf den Standard bereits heute verfügbarer Technik verbessert;
— die Energieeffizienz im Verkehrssektor entsprechend erhöht wird;
— Effizienzspielräume im Energiesektor bei der Erzeugung und in der Anwendung besser ausgeschöpft werden;
— bei der Stromerzeugung verstärkt Erdgas statt Kohle oder Öl („fuel switch“) eingesetzt wird;
— die erneuerbaren Energien aus Sonne, Wind, Wasser, Biomasse und Geothermie im Strom- und Wärmesektor systematisch ausgebaut werden;
— und schließlich die „Clean Coal-Technologie“ (bei der das bei der Kohleverbrennung in Kraftwerken entstehende Kohlendioxid abgeschieden und endgelagert wird) zur Anwendungsreife entwickelt
und großtechnisch eingesetzt wird.

Aufwendige Untersuchungen einer Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages aus dem Jahr 2002 ergaben, dass für ein Industrieland wie Deutschland CO2-Reduktionen um 80 Prozent bis zur Jahrhundertmitte mit verschiedenen Strategien und Instrumenten realisiert werden können. Die umfassende Verbesserung der Energieeffizienz erweist sich dabei in allen Varianten als ebenso unabdingbar wie der massive Ausbau erneuerbarer Energien. Dagegen fand die Kommission keine Anhaltspunkte dafür, dass für eine erfolgreiche Klimaschutzstrategie die Fortführung oder gar der Ausbau der Atomenergie von entscheidender Bedeutung sein könnte.

Ein großer oder wachsender Anteil von Atomenergie an der Stromerzeugung kann sich für eine erfolgreiche Klimaschutzstrategie sogar als kontraproduktiv erweisen. Deren unverzichtbare Bausteine erneuerbare Energien und Energieeffizienz sind mit großen, zentralen Grundlastkraftwerken, wie sie Atomkraftwerke darstellen, nur schwer vereinbar. Die fluktuierenden erneuerbaren Energien Wind und Sonne benötigen ab einer bestimmten Ausbaustufe Kraftwerke mit einer flexiblen Leistungssteuerung, wie etwa moderne Gaskraftwerke, um die Leistungsschwankungen auszugleichen und ein Stromnetz, das die veränderte geografische Lage und insgesamt dezentralere Struktur der Elektrizitätserzeugung widerspiegelt.
Außerdem wäre ein umfassender Ausbau der Atomenergie — nur er, nicht eine mühsame Stagnation auf gegenwärtigem Niveau, könnte die nukleare Stromproduktion zu einem wirksamen Faktor im Klimaschutz machen — mit massiven ökonomischen Unsicherheiten verbunden. Denn dafür müsste die Branche in wenigen Jahrzehnten den Übergang von den gegenwärtigen Leichtwasserreaktoren hin zu Brütertechnik und Wiederaufbereitung bewältigen, an dem sie bereits einmal gescheitert ist. Keine andere Technologie existiert darüber hinaus unter einem vergleichbaren Damoklesschwert:

Ein einziger schwerer Unfall oder terroristischer Angriff wäre ausreichend, um die Akzeptanz für diese Technologie national oder sogar international endgültig zusammenbrechen zu lassen. Voraussichtlich müsste ein Großteil der Reaktoren vorzeitig stillgelegt werden. Schließlich verhindert der Endlosstreit um die Atomenergie in wichtigen Industriestaaten die unverzichtbare Hinwendung zu einer konsistenten Effizienzstrategie. Insgesamt ist national wie international eine politische Strategie möglich und auch zielführend, die beide Großrisiken, die der globalen Klimaänderung und die katastrophaler Atomunfälle, gleichermaßen minimiert. Das spezifische Gefahrenpotenzial der Atomenergie macht jede Klimaschutzstrategie, die sie einschließt, weniger robust und innovativ als eine Strategie ohne die nukleare Option. Der propagierte Zielkonflikt zwischen Atomausstieg und Klimaschutz entpuppt sich deshalb als eine von sachfremden Interessen geleitete Erfindung der Verfechter der Atomenergie. Er ist konstruiert. Für die unsinnige Wahl zwischen Teufel und Beelzebub gibt es keine reale Notwendigkeit.

[Aus: Mythos Atomkraft. Ein Wegweiser. 1 Auflage, Berlin 2006, Seite 36 ff.
Hrsg: Heinrich-Böll-Stiftung ]

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„Mythos Atomkraft. Ein Wegweiser“ ist eine aus mehreren Themenpapieren bestehende Studie. Sie vermittelt einen Überblick über aktuelle Fragen der zivilen Nutzung der Atomenergie in einer weltweiten Perspektive. Sie wurde durch ein internationales Team von Wissenschaftlern unter der Koordination von Dr. Felix Chr. Matthes (Öko-Institut) erstellt.

Download oder bestellen des Buches hier:
http://www.boell.de/index.html?http://www.boell.de/de/04_thema/3854.html

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